Karl-Heinz Missfeldt
Es gibt Menschen, die fotografieren Sonnenuntergänge. Und es gibt Menschen wie Holger Rüdel, die offenbar beschlossen haben, gleich ganze Atmosphären einzufangen. Als ehemaliger Kurator des Stadtmuseums für Fotografie brachte er Ausstellungen nach Schleswig, bei denen man sich regelmäßig fragte, wie eine so beschauliche Stadt plötzlich für ein paar Wochen nach Berlin, Hamburg oder wenigstens kulturell leicht elektrisch aufgeladen wirkte. Zwischen Kopfsteinpflaster, Möwengeschrei und Fischbrötchen tauchten plötzlich internationale fotografische Perspektiven auf, die bewiesen: Große Kunst braucht keine Millionenstadt – manchmal reicht auch ein guter Blickwinkel an der Schlei. Holger Rüdels besondere Fähigkeit lag dabei nicht nur im Organisieren beeindruckender Ausstellungen, sondern auch in seiner eigenen Arbeit. Seine Fotografien wirken oft wie eingefrorene Gedanken. Nicht laut, nicht überinszeniert, sondern mit dieser seltenen Mischung aus Ruhe und Intensität, bei der man länger hinschaut, als man eigentlich wollte. Seine Bücher und Ausstellungen zeigen keine Welt, die spektakulär sein will – sondern eine, die aufmerksam betrachtet wurde. Und genau das macht sie stark. Während andere Fotografen mit Drohnen, Filtern und 700 Bildern pro Minute arbeiten, scheint bei Rüdel oft die stille norddeutsche Erkenntnis zu gelten: Wenn das Motiv gut ist, muss man nicht hektisch werden. Humorvoll betrachtet ist Fotografie ohnehin ein merkwürdiges Hobby. Menschen laufen mit teuren Kameras herum, nur um dann minutenlang auf Licht zu warten, das objektiv betrachtet einfach nur „die Sonne“ ist. Fotografen sprechen Sätze wie: „Das Licht arbeitet heute nicht mit mir.“ Als hätte die Abendsonne einen Tarifvertrag. Doch bei guten Fotografen merkt man schnell: Es geht nie nur um Technik. Eine Kamera kann knackscharf sein – und trotzdem ein völlig leeres Bild erzeugen. Und damit kommt man zur Besonderheit der Fotografie: Ein Bild entsteht oft in einem Sekundenbruchteil und bleibt manchmal jahrzehntelang im Gedächtnis. Das ist eigentlich absurd. Ein winziger Klick konserviert einen Moment, der nie wieder existieren wird. Fotografie ist damit eine Art stiller Widerstand gegen die Vergänglichkeit. Der Fotograf sagt gewissermaßen: „Moment mal, Leben – dieses kleine Stück hier behalten wir.“ Besonders spannend ist dabei das Wort „Objektiv“. Technisch ist es nur die Linse der Kamera. Philosophisch ist es fast ein Widerspruch. Denn kein Foto ist wirklich objektiv. Schon die Entscheidung, worauf man die Kamera richtet, ist subjektiv. Was gezeigt wird, was abgeschnitten wird, welcher Moment gewählt wird – all das ist Interpretation. Das „Objektiv“ ist also ironischerweise der Teil der Kamera, durch den persönliche Sichtweisen entstehen. Vielleicht liegt genau darin die Kunst: Nicht die Wirklichkeit exakt abzubilden, sondern sichtbar zu machen, wie jemand die Wirklichkeit empfindet. Fazit: Holger Rüdel hat Schleswig nicht nur fotografisch bereichert, sondern kulturell wachgerüttelt – auf die angenehm norddeutsche Art: ohne großes Pathos, aber mit nachhaltiger Wirkung. Seine Arbeiten und Ausstellungen zeigen, dass gute Fotografie nicht schreit. Sie schaut hin. Und manchmal reicht genau das, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Oder wie ein Fotograf vermutlich sagen würde: „Das Motiv war schon da – man musste nur den richtigen Moment erwischen.